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Leben

die kunst des nichtstuns

Es ist Quarantäne-Tag 22 was so viel bedeutet wie: 22 Tage in Jogginghose oder Leggins, 22 Tage ungeschminkt und 22 Tagen mit minimalen sozialen Kontakten. (Den Kontakt zu meinen Eltern und meiner Schwester, die das ganze gerade mit mir durchstehen, lässt sich bisher nur schwer vermeiden – was nicht selten zum Bedauern der ein oder anderen Person führt). 

Mein bisheriges Fazit lautet: Die Lage ist so merkwürdig, dass ich mit nicht einmal entscheiden kann, was ich fühlen soll. Als würde man irgendwo zwischen Alltag und Urlaub in einem Wartezimmer sitzen und nicht wissen, auf was man eigentlich wartet. Um dabei nicht wahnsinnig zu werden, beschäftigen wir uns mit allem, was innerhalb vier Wänden möglich ist. Zwischen all den Zoom Meetings, Hausparty Group Calls, Back-Sessions und Home-Workouts, merke ich, wie schwer es mir fällt einfach mal nichts zu tun. Aus Angst vor Langeweile arbeite ich mich durch Türme verstaubter Kisten auf der Suche nach Puzzeln, meinem Wasserfarbkasten aus der 6. Klasse, Brettspielen und alten DVDs. Der Stapel ungelesener Bücher wird mit jedem Postbotenbesuch höher und auf meinem iPhone befindet sich bereits eine große Auswahl an Apps für Video-Konferenzen, Rezepte, Online Magazine und Workouts, was mich mittlerweile vor die Frage stellte, wie derartige Epidemien in Zeiten vor der großartigen Erfindung des Internets bewältigt wurden. 

Wenn wir ehrlich sind, hört sich bei all den Problemen dieser Welt, die in den letzten Wochen komplett in Vergessenheit geraten zu sein scheinen, zuhause bleiben, Bücher lesen und Netflix schauen doch gar nicht so tragisch an – wäre da nicht diese Unsicherheit und das ungewohnte Gefühl absolut keine Ahnung zu haben, wie die nächsten Wochen und Monaten verlaufen werden. 

Gestern Abend tanzte ich beim Kochen ausgelassen und lautstark singend mit meiner Schwester durch die Küche, als mir bewusst wurde, wie sehr ich mich auf die nächste Party freue. Ihr habt richtig gehört P-A-R-T-Y: Viele Menschen auf engem Raum, laute Musik, allerlei alkoholische Getränke aus bunten Bechern, die man zu Beginn der Party schön brav mit seinem Vornamen versehrt, nach einigen Runden Beer Pong dann aber aus dem Becher mit seinem Zweit-, Mittel- oder Nachnamen trinkt.  Die Erkenntnis, dass ich keine Ahnung habe, wann die nächste Party stattfinden würde, machte mich kurz stutzig. 

Mit den steigenden Infektionen und der immer ernster werdenden Lage, wächst mein ungutes Gefühl hilflos und eingesperrt zu sein. Noch nie in meinem Leben war ich in meinen Entscheidungen so von außen eingeschränkt und gleichzeitig bewundere ich diese Solidarität, die uns alle dazu bringt unsere Wünsche und Anliegen für die Allgemeinheit hintenanzustellen. Plötzlich erscheinen all unsere sonstigen Alltagssorgen und Problemchen unwichtig, eigentlich schon fast lächerlich, wo sich doch gerade jeder, der gesund zuhause bei seiner Familie festsitzt, glücklich schätzen kann.  

Trotzdem komme ich mir zwischendurch so vor wie mit acht, als mich meine Mutter in mein Zimmer verbannte, weil ich meine jüngere und damals hilflose Schwester geärgert hatte, und erst wieder rauskommen durfte, wenn ich über mein Verhalten nachgedacht hatte. Mittlerweile kann sich meine Schwester schon lange wehren und meine Mutter ist froh, dass sie nicht mehr gezwungen ist, sich in unsere Auseinandersetzungen einzumischen, aber allein der Gedanke daran löst ein ungutes Gefühl in mir aus. Wurde uns allen zusammen Hausarrest erteilt und dürfen wir, wie ich früher, erst wieder rauskommen, wenn wir unser Verhalten überdacht haben? Befinden wir uns in einer Kollektivstrafe oder doch eher in einer Kollektivtherapie? Sitzen wir trotzig in unseren Kinderzimmern und warten, bis Mama doch Mitleid bekommt? Oder ist diese Quarantäne eine einmalige Chance, uns zurück auf das Wesentliche zu besinnen? 

Als in den letzten Wochen all meine Freunde aus der ganzen Welt von ihren Auslandssemstern, Praktika, Urlauben und Reisen zurück nach Hause pilgerten, fragte ich mich, ob uns irgendjemand sagen will: Es reicht! Ob unserer konsum- und vor allem spaßsüchtigen Generation, die jedes Wochenende am liebsten auf drei Festivals gleichzeitig tanzen würde (an drei verschiedenen Orten versteht sich) und dann am Sonntagmorgen zum Frühstücken verabredet ist, um bei einer Smoothie-Bowl und einem Soja-Cappuccino den Städtetrip für das nächste Wochenende zu planen, die Bremse gezogen wird? Vor allem aber frage ich mich, ob es dafür nicht schon längst Zeit war? 

Mit jedem weiteren Tag, den ich zuhause verbringe, stelle ich fest, dass ich das Ganze fast schon ein bisschen genieße. Plötzlich ist ein langer Spaziergang mein Highlight des Tages und das spannendste, was mir passieren kann ist einen Klopapierstreit beim Einkaufen zu beobachten. Am Wochenende gehe ich nach dem Frühstück einfach mit einem guten Buch wieder zurück ins Bett und allein die Tatsache, dass ich mich für mein Home-Workout nicht mehr umziehen muss, weil ich sowieso schon den ganzen Tag in Leggings verbringe, macht mich ein bisschen glücklich. Das Gefühl, keine Pläne zu haben und auch einfach nichts verpassen zu können, löst ein Gefühl in mir aus, von dem ich mir noch nicht ganz sicher bin ob es eine tiefe Entspannung, eine unendliche Leere oder beides ist. 

Kommen wir also alle als achtsame und ausgeglichene Weltverbesserer aus dieser Quarantäne, weil wir endlich mal Zeit hatten, jeden Morgen Yoga zu machen und über unsere Existenz nachzudenken. Werden wir nach wochenlanger Analyse unserer tiefsten und innersten Gefühle, genau wissen, was wir wollen. Oder werden wir, dank der Kombination aus Langeweile und vollen Vorratsschränken, einfach nur 5 kg schwerer sein, weil wir ja schließlich all diese Nudelpackungen essen mussten, die wir während eines panischen Kaufrauschs stolz ergattert hatten. 

Was auch noch kommen mag, diese Krise scheint uns zu verändern und ich hoffe in eine positive Richtung. 

Bleibt gesund! 

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